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Zu Besuch bei den Nachbarn: Der Russland-Trip


Anfang November gab es für die Erasmus-Studenten in Jyväskylä zwei Möglichkeiten nach Russland zu reisen. Organisiert wurden beide Angebote von einer finnischen Reise-Agentur, die sich auf Russland spezialisiert hat. Man konnte sich zwischen einem Trip nach St. Petersburg & Moskau und einem nur nach St. Petersburg auswählen.Ich habe mich für den längeren Ausflug in beide Städte entschieden und es kein Bisschen bereut. Ca. 80 andere Studenten und ich wurden 7 Tage lang von traumhaftem Wetter im Land des Wodkas begleitet. Es folgt ein kleiner Reisebericht mit den Highlights aus Kultur, Nightlife und dem ganzen Rest…

Der Bericht hat sich leider bis jetzt verzögert, da ich zuvor nicht die Zeit gefunden hatte alles aufzuschreiben (wg. Klausuren, Projekte, Weihnachten, etc.). Aber besser spät als nie. ;)
Los ging’s morgens mit dem ersten Bus um 5:20 Uhr zum (Bus-)Bahnhof von Jyväskylä wo dann unsere beiden Reisebusse um 6:00 Uhr abfuhren - zunächst Richtung Finnisch/Russischer Grenze, dann nach St. Petersburg. Erfreulicherweise ging die Abwicklung der Formalitäten an der Grenze recht zügig von statten. Und das sogar ohne Bestechungen (zumindest hab ich keine mitbekommen).
Unser Hotel in St. Petersburg hieß logischerweise “Hotel Moscow”! Wer hätte auch etwas anderes erwartet? Wie auch immer - angekommen am späten Nachmittag stand als erstes also das gleichzeitige Einchecken von 80 Leuten auf dem Programm. Das Hotel selbst ist ein großes, massives Gebäude - schätzungsweise aus den 70ern - mit recht grauer Fassade aber sehr netten Zimmern im Innern. Genauer gesagt hieß das für die meisten von uns: das erste Mal ein Federbett mit richtiger Matratze und sogar einem Lattenrost seit gut 3 Monaten. Auch die Bäder waren recht modern ausgestattet… (und…: mit Badewanne! ;)) Soweit also annähernd ideale Schlafvoraussetzungen - sofern man einen nicht-schnarchenden Zimmergenossen abbekommen hat! ;)

Direkt am ersten Abend war ein Night cruise auf den Flüssen von St. Petersburg organisiert. Man muss dazu sagen, dass es wirklich extrem viele (teils kleine) Flüsse und Kanäle in der Stadt gibt, die ein recht zusammenhängendes Wasserstraßennetz bilden.
Die Bootsfahrt war in jedem Fall lustig! Natürlich haben die im Preis enthaltenen Drinks ihren Teil zur guten Stimmung beigetragen. Aber angesichts der Tatsache, dass die Sightseeing-Kommentare unseres Guides trotz Mikrofon in der Masse der Stimmen unterging kann man eigentlich annehmen, dass alle froh waren endlich die Busreise hinter sich zu haben.
Nur ein paar aus unserer Gruppe haben dann direkt die Möglichkeit genutzt den Havanna-Club im Anschluß an die Bootsfahrt zu besuchen. Die meisten haben sich aber in die Hotelbetten zurückgezogen um zumindest etwas Schlaf für die nächsten Tage zu bekommen.

Der nächste Tag kann getrost als extensiver Sightseeing-Tag bezeichnet werden (der Fotofinger hat bei allen geglüht). Begonnen haben wir mit dem Peter and Paul Fortress, weiter ging es mit der St. Isaac’s Cathedral, die auch einen tollen Ausblick über die Stadt bot. Dann gab es zwei Auszeiten vom organisierten Programm: die erste - kleinere - hielten wir bei KFC ab (erfreulich günstig in Russland; scheint also mit dem BigMäc-Index zu korrelieren - Danke an Bengt ;)) um dann am Nachmittag statt in die Hermitage in die “Kunstkamera” zu gehen. Dabei handelt es sich um ein Museum mit Kuriositäten, die Peter zu seiner Zeit gesammelt hat. Der interessanteste Teil bestand dabei aus einer Sammlung von eingelegten, mißgebildeten Föten und Teilen davon.
Die Stadt ist außerdem voll von Läden und Ständen, bei denen man Souvenirs kaufen kann. Dass der Kitsch-Faktor hier extrem hoch, muss ich wahrscheinlich nicht extra betonen. Eine Klasse Sache haben wir jedoch entdeckt: Die Matroschka-Puppen gibt es in einer Variantenvielfalt, die einfach nicht zu übertreffen ist. Wir haben unter anderem eine Puppe entdeckt, bei der sich Gerhard Schröder ganz außen befindet. Dort drin befindet sich unrealistischerweise Helmut Kohl (wie soll das jemals passen?). Aber es kommt noch besser: dort drin ist unser allseits beliebter … Egon Krenz! :P Leider hatten wir sehr wenig Zeit um die Puppe weiter zu zerlegen - schade.

Abends sind wir dann mit der Metro in Richtung eines Clubs aufgebrochen. Die U-Bahn in St. Petersburg ist extrem tief in der Erde. Man kann vom oberen Ende der Rolltreppe das Ende unten nicht sehen. Weiterhin ist es z.B. praktisch unmöglich, sich - unten angelangt - vor einen Zug zu werfen. Denn der Bahnsteig sieht in etwa wie eine lange Reihe von Fahrstuhltüren aus, die sich erst öffnen wenn der Zug angehalten hat. Leider ist - wie an vielen Stellen - das Fotografieren in der U-Bahn nicht erlaubt (warum auch immer). Der Club heißt “Metro” - und der Name ist nicht das Einzige, was an die U-Bahn erinnert. Denn auch hier ist das Fotografieren nicht erlaubt. Aber wie so oft hilft auch hier: Frechheit siegt!
In und um den Club gab es aber noch ein paar andere interessante Sachen. So verfügt der Laden z.B. über zwei Eingänge: einen normalen und einen sog. “VIP-Eingang”, der wesentlich teurer ist. Unser Guide hat mir darüber erzählt, dass die Leute die am normalen Eingang abgewiesen werden ihr Glück nochmal am teureren versuchen können ;). Unsere Guides haben einen Deal mit dem Schuppen abgeschlossen, der uns etwas günstiger in den “Genuss” des VIP-Eingangs kommen ließ.
Am Eingang wurde zunächst jeder gefilzt. Wie sich kurz danach herausstellte lag das Hauptaugenmerk aber wohl nicht auf Waffen oder ähnlichem Spielzeug sondern vielmehr auf Kaugummis! Es musste tatsächlich jeder, der welche hatte, seine Kaugummis abdrücken. Interessantes Land… ;) Der Laden selbst war eigentlich ganz nett.
Einer der Guides sah aus wie Bully (aus der Bullyparade) in jungen Jahren. Jetzt hab ich ein Bild mit Bully (siehe Bild rechts *juhu* ;)).
Bemerkenswert war allerdings noch die Rückfahrt: mit dem illegalen Taxi ins Hotel! Unsere Guides hatten uns im Vorfeld verklickert, dass 100 Rubel ein angemessener Fahrpreis sind. Die Taxifahrer hingegen, versuchen natürlich so viel wie möglich aus den Touristen herauszuquetschen. Wie gut sie das ‘drauf haben, konnte man bei vielen aus unserer Reisegruppe sehen. Die sind teilweise für den doppelten oder dreifachen Preis dieselbe Strecke gefahren. Dabei ist es doch so einfach: Wir haben den ersten Fahrer aus der Taxi-Schlange vor dem Club die 100,- angeboten - der hat noch dankend abgelehnt und dabei versucht so zu wirken als ob das ein utopisch niedriger Preis wäre. Dann den Zweiten gefragt - dasselbe Spiel. Als wir uns dann aber unbeeindruckt davon auf die Straße gestellt haben und angefangen in der typischen Art ein anderes Taxi heranzuwinken (Arm ausgestreckt, Daumen nach unten) kam auf einmal ein Taxifahrer aus der Schlange angespurtet und wollte uns unbedingt sofort für die 100,- fahren…

Am Donnerstagmorgen haben wir direkt nach dem Frühstück aus dem Hotel ausgecheckt. Die Busse haben uns dann samt Gepäck zum St. Petersburger Hauptbahnhof gefahren. Dort wollten wir das Gepäck bis zur Abfahrt unseres Zuges am Abend zwischenlagern. Bis dann jedoch jemand kam, der unsere Gepäckstücke auch entgegennehmen wollte haben wir allerdings eine Weile warten müssen.
Anschließend ging es in das etwa 30km außerhalb liegende Village of Tsars and Catherine’s palace, in welchem sich unter anderem auch das berühmte Bernsteinzimmer befindet. Vor dem Betreten musste sich jedoch jeder einen feschen Satz Überzieher über die Schuhe ziehen, damit das gute Parkett heile bleibt. Die Tour ging durch etliche meist äußerst pompös geschmückte Räume. Bilder davon finden sich in der Galerie.
Während der Busfahrt wurde allen noch einmal eindrucksvoll die Kluft zwischen der Welt von D&G, Gucci und Versace in der reichen Innenstadt und den armen Außenbezirken vor Augen geführt. Das ist etwas, was man schlecht mit wenigen Sätzen beschreiben kann. Ich würde jedem empfehlen, sich einmal selbst anzusehen was in anderen Ländern so passiert.

Es schloß sich dann weiteres Sightseeing in der Innenstadt an. Während einem kleinen Päuschen in einer Kaffee-Bar hat sich dann auch herausgestellt, was bemerkenswertes passiert, wenn Russen versuchen heiße Schokolade zu machen und was sie denken, was sich Europäer unter “Hot chocolate” verstehen. In der üppigen Karte gab es nämlich drei verschiedene Arten Kakao: einmal normalen Kakao (das war der billigste), dann French hot chocolate und Italian hot chocolate (wesentlich teurer). Jetzt fragt ihr euch sicher auch, wo der Unterschied liegt (haben wir uns auch ;)). Wir haben es dann jedenfalls ‘drauf ankommen lassen und beides bestellt (also die letzten beiden). Das war ein Fehler! Leider haben wir keine dokumentierenden Bilder, aber keiner von beiden war trinkbar. Soll nicht heißen dass sie schlecht waren, aber die Konsistenz von beiden war eigentlich nicht zum Trinken geeignet. Meine French hot chocolate hatte definitiv mehr mit Schokopudding als mit Kakao zu tun. Und die Italienische Variante war unwesentlich viskoser. Gut dass bei beiden ein Löffel dabei war… ;)

Am frühen Abend stand dann als letzter TOP vor der Abfahrt noch Ballett auf dem Programm. Es handelte sich um eine Inszenierung von Don Quijote im Mussorgsky Theater. Eigentlich bin ich nur mitgegangen, um mir so etwas mal anzuschauen und ggf. etwas zu schmunzeln. Aber im Nachhinein muss ich sagen, dass es wesentlich besser war als gedacht. Wir hatten zwar nicht die besten Plätze, aber das wurde von den kultverdächtigen Opern-Gläsern, die man an der Garderobe ausleihen konnte wieder wettgemacht.
Aber keine Panik: täglich muss ich das Spektakel nicht haben und wer jetzt hofft, mich im rosa Tütü sehen zu können, den muss ich auch enttäuschen… ;)

Der letzte Tag in St. Petersburg ging also zuende. Abschließend wäre noch zu erwähnen, dass über die ganze Zeit, die wir dort waren, eine enorme Smog-Glocke über der Stadt hing. Man muss dazu sagen, dass ich aus dem Ruhrpott komme. Und der Geschichte zufolge war es dort vor 50 Jahren nicht anders, aber selbst gesehen habe ich so etwas noch nicht. Auf dem Bild kann man eindeutig die dicke Schicht erkennen. Gesund ist etwas anderes.
Schließlich haben wir uns alle wieder am Bahnhof versammelt, wo um 00:30 Uhr unser Nacht-Zug (Marke Sowjet-Diesel, siehe Bild ;)) abfuhr. Langweiligerweise wurde keiner vergessen oder vom Zug überrollt. Stattdessen wurden alle auf winzige Vierer-Schlafkabinen verteilt, die in Sachen Komfort mit dem Hotel in keinster Weise mithalten konnten. Die Fahrt verlief dann bis zur Ankunft in Moskau gegen 8:30 Uhr recht problemlos.
Dann ging es aber los: Aus irgendeinem Grund sind unsere Guides auf einmal aus dem Zug und mindestens genauso schnell aus dem Bahnhof (durch einen Seitenausgang, wie sich später herausstellen sollte) gespurtet, so dass ich und etwa 10 andere aus unserer Gruppe erstmal den Anschluss verloren haben und eine halbe Stunde lang alles um den Bahnhof herum abgesucht haben, bis wir dann mal jemanden gefunden hatten.
Als auch wir dann schlussendlich die Busse erreicht hatten, ging es unmittelbar mit einer ersten Sightseeing-Tour durch die Stadt los. Vorbei an Rotem Platz & Kreml war ein Stopp zum “Frühstück” angesagt. Dabei kann ich sagen, dass dies eines der schrecklichsten kulinarischen Erlebnisse meines Lebens war!
Wir hielten nämlich an einem Restaurant, dass bayrisch sein sollte. Ein Schock-Erlebnis, denn die Russen & Russinnen die dort arbeiten wurden offenbar gezwungen, die häßlichsten Trachten die ich je gesehen habe in einem mit Holz ausgekleidetem zwanghaft auf gutbürgerlich getrimmten Lokal mitten in der 8-Millionen-Metropole zu tragen. Alles sollte den Eindruck von “Oktoberfest” vermitteln und war einfach nur peinlich. Wenn das Essen wenigstens geschmeckt hätte, wäre es ja halb so wild. Aber nicht nur, dass ich die Gerichte in Deutschland noch nie gesehen habe, schmeckten sie scheußlich - und das als “Frühstück”. Das übelste (neben dem Essen selbst) ist ja wohl, dass den Leuten vermittelt wird in Deutschland würde es wirklich so aussehen und wir würden ernsthaft sowas essen…
Nach der Bus-Tour haben wir dann in unser Hotel (Izmailovo) eingecheckt und den Nachmittag in der Stadt verbracht. Gegen abend haben wir dann eine (geführte) Tour durch die Moskauer U-Bahn Stationen gemacht. Das klingt zunächst nicht sonderlich spektakulär, entpuppt sich aber als sehr sehenswert. Denn alle Stationen sind ziemlich aufwendig gestaltet und jede sieht anders aus als die anderen. Somit ist das U-Bahn System in Moskau so sehr verschieden von dem in St. Petersburg. In der Galerie sind einige Fotos.

Am Samstag ging es als erstes nach dem Frühstück Richtung Richtung Zentrum. Dort standen das Lenin Mausoleum auf dem Roten Platz und anschließend der Kreml auf dem Programm. Während das Fotografieren im Mausoleum mal wieder verboten ist (wird bloß diesmal überwacht von etlichen Soldaten) kann man sich durch das Kaufen eines “Photo-Stickers” für die Jacke (50 Rubel) selbst zum Fotografieren privilegieren.
Doch abends ging der Spaß erst richtig los: Es ging in den Zirkus! Ich war schon seit Jahren nicht mehr im Zirkus gewesen und hab mich köstlich amüsiert. In Russland hat Zirkus eine lange Tradition. Daher gibt es dieses fest installierte Zirkuszelt, in dem die Show geliefert wird. Dass man kein Russisch versteht macht dabei überhaupt nichts.
Nach dem Zirkus sind wir dann noch in einen Club und anschließend per illegalem Taxi wieder ins Hotel.

Der letzte Tag in Russland verlief dann mit weiterem Sightseeing (Arbat street, Roter Platz, diverse Kirchen, usw.) doch recht auslaugend, so dass die erneute Fahrt im Nachtzug Richtung Finnland dann ganz erholsam war. Der Zug fuhr bis Lahti (in Finnland) und von dort ging es dann per Bus wieder zurück nach Jyväskylä.
Pro Kopf durften 1 Liter Wodka, 2 Liter Wein und 2 Träger Bier eingepackt werden. Das war sehr erfreulich und netterweise ist die Auswahl an Wodka in Russland auch exzellent (genauso wie der Preis und der Geschmack!). Das Bild zeigt ein einziges Regal in einem Supermarkt… ;)

Soviel zu meinem Russland-Trip. Bis demnächst,
Torben