Die Wii als Media Center: Was wirklich funktioniert und was Blendwerk ist [Update]

Die Wii ist beliebt wie nie: Sowohl in Europa als auch in den USA ist die Nintendo Wii die #1 unter den Spielekonsolen, was die Marktdurchdringung angeht. Grundsätzlich also beste Voraussetzungen um auch weitere Multimedia-Funktionen im Wohnzimmer zu erledigen. Die Idee, die Wii als Media Center (Extender) einzusetzen ist also durchaus schon ein paar Tage alt und das Bedürfnis ungebrochen.

Vielleicht auch deshalb kursieren im Web jede Menge Informationen zu diesem Thema, die zum größten Teil sehr oberflächlich, veraltet oder im simpelsten Fall schlicht falsch sind. Kurzum: viele reiten die Euphorie-Welle die angeblich die kleine weiße Box zum „Multimedia-Wundertalent“ werden lässt ohne die tatsächliche Praxistauglichkeit wirklich zu betrachten.

Weil das Thema Media Center für mich auch sehr interessant ist, habe ich mich in den vergangenen Wochen intensiv damit auseinander gesetzt und fasse hier kurz zusammen wie es im Januar 2009 tatsächlich steht.

Da Nintendo keine offizielle Medien-Unterstützung bietet und vermutlich auch nicht mehr bieten wird, muss auf Dritt-Hersteller oder Open Source Software zurückgegriffen werden. Im Wesentlichen gibt es technisch 2 unterschiedliche Wege, wie die Wii zu einem Media Center werden kann. Alle derzeit verfügbare Media Center-Software lässt sich in diese beiden Kategorien einordnen:

  1. Auf einem separaten Rechner wird eine Server-Software installiert, die auch einen Web-Server beinhaltet. Der Media Content wird dann über Webseiten gerendert (Videos per Flash) und im Wii Opera-Browser dargestellt bzw. abgespielt. Auf der Wii wird also keine weitere Software (außer dem kostenpflichtigen Internet-Kanal) benötigt.
  2. Es wird sogenannte „Homebrew-Software“ auf der Wii installiert, die die eigentlichen Media Center Extender-Funktionen umsetzt und den Content direkt von anderen Resourcen bezieht (SD-Karte, USB-Laufwerke, Netzwerk-Freigaben, Webradio, etc.).

Für jede der beiden Kategorien gibt es mittlerweile mehrere unterschiedliche Tools, die auf ähnliche Art und Weise funktionieren.

Die paradoxe Situation ist, dass zwar die unmittelbar sichtbare Benutzeroberfläche bei den Web-basierten Tools recht fancy aussieht, sich eine gute Benutzbarkeit nicht direkt davon ableitet. Hier ein abschreckendes Beispiel für gutes Marketing und schlechte Umsetzung. Das Produkt „X-OOM Media Center für Wii“ von der „bhv Software GmbH“. Das folgende Video ist auf den ersten Blick sehr ansprechend, aber schaut euch einmal die dazugehörigen Rezensionen auf Amazon.de an.

Ähnlich schlecht sieht es auch bei anderen Vertretern der Server-basierten Lösungen (Kategorie 1) aus. Weitere konkrete Probleme sind: riesige schwarze Rahmen um Video-Content im Fullscreen, lange Ladezeiten, niedrige Videoqualität, Plattformabhängigkeit beim Server etc.
Die meisten Punkten liegen auch garnicht an der Server-Software sondern am Opera-Browser bzw. der veralteten Flash-Version auf der Wii. Die Server-Software kann also noch so gut sein, die Qualität wird immer mäßig bleiben. Vermutlich auch ein Grund, warum die Software „Wii Media Center X“, die bei Google fast komplett die erste Ergebnisseite zu einer Suche nach „Wii Media Center“ belegt, mittlerweile nicht mehr weiterentwickelt wird und daher als tot zu betrachten ist…

Kurzum: Will man wirklich ernsthaft Media-Content (insbesondere Videos) mit der Wii auf dem Fernseher schauen, muss man zu Homebrew greifen. Doch auch hier ist der heilige Gral (leider) noch nicht verfügbar. Es gibt derzeit mehrere Homebrew-Anwendungen für Multimedia-Funktionen, die man auf seiner Wii installieren kann. Hier befindet sich eine gute Übersicht über alle Anwendungen, die in mehreren Tabellen recht transparent aufschlüsselt welche Anwendung welche Fähigkeiten hat.

Für mich sind insbesondere Streaming-Fähigkeiten (Abspielen von Audio/Video über das Netzwerk von einem NAS/Homeserver) wichtig. Daher kommen prinzipiell 2 Anwendungen in Frage:

Beides sind Open Source-Projekte, die aktiv (wenn auch nicht übermäßig aktiv) sind, d.h. weiterentwickelt werden. Mit beiden habe ich einige Erfahrung gesammelt und fasse diese im Folgenden kurz zusammen:

MPlayerWii

Es handelt sich um einen Port des bekannten quelloffenen MPlayer auf die Wii. Mittels einer Konfigurationsdatei (mplayer.conf) können alle Optionen des Players konfiguriert werden. Mittlerweile werden SDHC (SD-Karten mit größerer Kapazität), USB-Sticks/-Festplatten sowie SMB-Freigaben (Windows-Freigaben) durch den Player unterstützt. Alle gängigen Audio-/Video-Formate sind abspielbar.

Leider existiert ein gewisser Wildwuchs bei den verfügbaren Releases von MPlayerWii. Es gibt zwar ein zentrales Entwicklungsprojekt, aber es kommen immer wieder einzeln weiterentwickelte Versionen verschiedener Entwickler heraus. Leider sind in der aktuellen Version (v0.07 r20) noch verschiedene Bugs, die das Leben doch erschweren (insbesondere #14, #29, #42).
Zudem habe ich es (auch aufgrund der Bugs) leider nicht geschafft ein durch Windows freigegebenes Verzeichnis tatsächlich anzusprechen.

GeeXboX for Wii

Anders als MPlayerWii basiert GeeXboX for Wii auf einem für die Wii abgestimmten Linux. Diese Linux-Variante wird sehr aktiv weiter entwickelt. Für das Abspielen von Medieninhalten kommt eine portierte Version der ursprünglich einmal für die Xbox entwickelten GeeXboX zum Einsatz. Diese verfügt von Haus aus über eine sehr funktional gehaltene Benutzeroberfläche. Also sind hier keine hübschen halbtransparenten Menüs mit automatischem Mashups von Titel-Covern oder IMDB-Informationen zu erwarten. Vielmehr erwartet uns ein sehr nüchtern gehaltenes textuelles Menü.

Abgesehen davon gibt es aber höchstens noch einen Kritikpunkt: die fehlende Unterstützung für das interne WLAN-Modul. Da der Player wie gesagt auf Linux aufbaut, benötigt er auch eine Linux-Treiberunterstützung für die Hardware. Für das Wifi-Modul fehlt ein solcher Treiber bislang leider noch. Es bleibt zu hoffen, dass sich hier in Zukunft etwas tut. Bis dahin kann man einen beliebigen USB-Netzwerk-Adapter verwenden, der durch den Linux-Kernel 2.6.24.4 unterstützt wird. Ich habe einen sehr billigen Adapter (< 5 EUR) zwar prinzipiell zum Funktionieren gebracht. Jedoch fehlt die Performance für ein ruckelfreies Abspielen von hochqualitativen Videos. Habe nun den offiziellen Nintendo USB-Netzwerk-Adapter bestellt und hoffe, dass dieser etwas schneller ist. (Update folgt.)
Update: Mit dem Original-Nintendo „Wii LAN Adapter“ (RVL-015) funktioniert ein Streaming von Video-Content unterhalb von 480p (ausreichend für PDTV) über Windows SMB-Freigaben problemlos.

Ansonsten handelt es sich um einen sehr stabilen, vielseitigen und ausreichend schnellen Player was Video-Inhalte angeht. Für mich ist er zur Zeit definitiv erste Wahl. Man darf sich aber nicht vor einigen Konfigurationsdateien fürchten und muss mit etwas Eingewöhnungszeit rechnen. Hier gibt es ein kurzes Video zum Look and Feel:

Was funktioniert also und was nicht?

Wiedergabe von Videos, die maximal eine Auflösung von 480p haben und entweder von einer SD- oder SDHC-Karte oder einem USB-Laufwerk kommen funktionieren problemlos. Ich habe einen 8GB USB-Stick von dem ich meine Videos derzeit über GeeXboX abspiele.

Netzwerk-Streaming (uPNP oder SMB) funktioniert bei mir derzeit nur mit Einschränkungen (Bugs in der Software bzw. zu niedriger Durchsatz). Ich habe hier noch Hoffnungen, dass es mit dem Nintendo-Adapter schneller wird.
Update: Netzwerk-Streaming per SMB-Freigaben funktioniert mit dem Nintendo LAN-Adapter über GeeXboX sehr gut. Zugriff auf eine uPNP-Media Library funktioniert derzeit nicht.

Wirklich hübsche Oberflächen und eine Einrichtung ohne gewisse Grundkenntnisse sind derzeit nicht drin. Richtig Hoffnung kann man sich erst machen, wenn sich eine Gruppe kompetenter Entwickler zusammen tut und einen PowerPC-Port von XBMC realisiert. Ein erster Versuch ist bereits gescheitert. Nicht an der Technik, sondern an Selbstüberschätzung des Einzel-Entwicklers, dem (verständlicherweise) irgendwann der Druck der Community komplett zuviel wurde und das Vorhaben aufgab.

Schade eigentlich, denn ein solches Vorhaben hätte – professionell durchgeführt – sicher eine enorme Reichweite. Viele Leute (#2, #3, #4, …) hatten drauf gewartet und waren wohl leider etwas (zu) euphorisch…

10 Gedanken zu “Die Wii als Media Center: Was wirklich funktioniert und was Blendwerk ist [Update]

  1. Thomas

    Was mich vor allem davon abhält, sowas zu versuchen, ist der fehlende digitale Tonausgang der Wii. Wofür habe ich sonst meine schöne DD-Anlage? Weißt du, wie es mit dem Support für USB-Soundkarten aussieht? Wenn auch Netzwerkkarten via USB angeschlossen werden können wäre das ja eine sinnvolle Option, denn mit nem digitalen Tonausgang wird das ganze IMO gleich deutlich benutzbarer…

  2. Torben Artikel Autor

    Prinzipiell ist das ein vollwertiger Linux-Kernel v2.6.24.4. Alle Treiber, die der Kernel unterstützt sollten somit auch auf der Wii verfügbar sein.

    Zu beachten ist jedoch, dass die Implementierung des USB-Bus wohl nicht die performanteste ist. Ob das für 5.1 Sound ausreicht müsste man austesten.

    Von den Voraussetzungen her würde ich erstmal denken, dass man es probieren kann. Habe aber noch nirgends gelesen, dass es wer anders schonmal probiert hat.

    Gruß,
    Torben

    P.S.: Habe eine Stereo-Anlage… 😉

  3. Torben Artikel Autor

    Der bestellte USB-Ethernet Adapter von Nintendo ist schnell genug für Video-Streaming mittels GeeXboX. Habe den Post entsprechend aktualisiert.

  4. Sepp

    Hi,
    in der aktuellen Ausgabe von GeeXboX Version alpha 0.7 funktioniert der UPNP Client. Der kurze Test zeigte das es noch sehr langsam dauert in den Verzeichnissen hin und herzuwechseln. Das abspielen von AVI schien rucklig zu sein, über SMB kein Problem alles flüssig. Die aktuallisierte Version von MPlayerCE 0.62 läuft sehr gut.

    Gruß Sepp

  5. Torben Artikel Autor

    Danke für den UPnP-Hinweis. Scheint aber auch eher Spielzeug zu sein.

    Bei MPlayerCE war zum Zeitpunkt des Posts noch nicht erkennbar, dass es sich zu einem aktiven Projekt entwickelt. Wer sich das Thema Wii als Mediacenter zum jetzigen Zeitpunkt anschaut, wird vermutlich auch an MPlayerCE nicht vorbei kommen.

    Wobei ich sagen kann, dass der SMB-Zugriff mit MplayerCE bei mir bis heute nicht funktioniert. Ich greife jedoch auch auf Windows-Domänen-Shares zu. Bin noch nicht dazu gekommen, dafür einen Bug zu filen…

    Gruß,
    Torben

  6. Manfred

    Hallo,

    wird durch einspielen einer Software wie GeeXboX auf der Wii die Orginalsoftware überspielt oder zerstört? Oder läuft das nebeneinander.

    Gruß Manfred

  7. Stefan

    @Manfred,

    werden die Daten im Gehirn durch einen Google-Einsatz komplett zerstört? Oder funktioniert es miteinander.

    Gruß Stefan

  8. Rudolf

    Nach langem Testen der meisten Player, bin ich nun auch auf den MediaPlayer-CE gestossen, der meine SMB-Shares via WII-WLAN ohne Ruckler abspielt. Echt super.

  9. Paul

    Ohne das Thema noch groß aufwärmen zu wollen, habe die verschiedenen Player heute getestet und muss sagen der WiiMC läuft mit Abstand am einfachsten und schnellsten mit einer Windows-Freigabe.

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